• Anton Christian - Rußblumen/Sootflowers

    Wenn ich Christians rätselhafte Quellen, seine metaphysischen Ansichten und seine poetische Vision betrachte, hätte ich gerne mehr Zeit gehabt, um die Lyrik, die germanische Mythologie und die europäische Nachkriegsprosa zu lesen. Der Grund: die Welt, die Christian heraufbeschwört, ist besser verständlich durch Sagen und Mythen als durch die Kunstgeschichte und kritische Theoriekonstruktionen. So wie Michelangelos Jüngstes Gericht heidnische und christliche Themen vermischt, so vermengen Christians Arbeiten die Motive des Rituals und des Opfers, theologische Gedanken und eine mit Gottfried Benns Verzweiflung vergleichbare Existenzangst.
    Der psychologische Zustand, den Christian darstellt, ist jener eines modernen ecce homo, dessen Sein durch den Nihilismus eines Nietzsche definiert ist. Die Nüchternheit des Leidens in seinen Bildern erweckt Mitleid und zugleich auch die Ansicht, daß es der zu bezahlende Preis ist – nicht dafür, eine Gesetzesübertretung zu büßen –, sondern einfach, weil wir geboren worden sind. Indem er der Versuchung widersteht, ein transzendentales Versprechen darzustellen, scheint Christian eine dionysische Lebenseinstellung zu ergreifen. Der Schmerz ist keine Strafe, sondern die Bejahung einer ursprünglichen Einheit. Das Leben braucht man nicht zu rechtfertigen oder zu retten, denn es ist zutiefst gerecht. Die Lebensungleichheiten sind zu akzeptieren, denn sie sind in ihrer Gesamtheit lebensbejahend.
    Christians Zeichnungen, seine Malereien und seine Assemblagen beschreiben einen Ort extremer Emotion, die Qual kommt aus edlen wie auch aus niederträchtigen Motiven. Seine Bildsymbole erinnern an das erotische Wissen, das Bataille im Exzessiven und Ekstatischen suchte. Die Verschiedenheit und Vielschichtigkeit solcher Erfahrungen formten seinen Glauben an den Einklang zwischen dem Heiligen und dem Berauschenden, indem man nicht dem Tod widersteht oder ihn umarmt, sondern indem man den Exkrementenverfall nach solchen Exzessen akzeptiert. Die Faszination des Sterbenden bringt eine Suche nach dem zwanghaft Schönen mit sich, das die tiefsten Ebenen des Geistes erweckt. Christian sucht solche Ansichten auszudrücken und vermeidet damit eine Ästhetisierung des Sterbens.
    So wie Christian seinen Figuren Substanz gab, so macht er jetzt eines von seinen weiteren, sich wiederholenden Bildsymbolen physisch greifbar, das der kahlen, verdrehten Bäume des Urwalds. Diese desolaten Bäume, dunkel, verkohlt in die Höhe ragend, ersetzen die Fetischkörper und -körperteile, die Christian früher benützte, um die elementargeistigen Kräfte unseres Seins zu symbolisieren. Indem sie als Metapher für die conditio humana fungieren, sind sie auch Allegorie für den sublimen Horror der antithetischen Natur. Die Natur ist weder gut noch böse, ohne Absicht und ohne Bewußtsein ist sie stets und gleichzeitig Schöpfung wie Zerstörung. Es ist die Welt, die wir verlassen haben, des Selbstbewußtseins und der Kultur willen, gleichsam als unsere Antwort auf die chaotischen, unkontrollierbaren Kräfte der Natur. Dies ist die Welt nach dem Paradies – haben wir es einmal verlassen, können wir nie mehr zurückkehren.

    Ausschnitt aus „A. Christian – Aus Dionysischer Sicht“ von Saul Ostrow, New York